De Maizière: Die Bundeswehr ist keine Unterschichtenarmee!
Meine ersten Truppenbesuche in Afghanistan und auf dem Balkan in den letzten zwei Wochen haben mir gezeigt, mit welch' hoher Motivation und Ernsthaftigkeit unsere Soldaten fern von zu Hause ihren Dienst leisten. Ich bin beeindruckt von der Professionalität, von der Aufgeschlossenheit und von ihrem staatsbürgerlichen Verständnis.
Es ist ein guter Ton, den ich bei unserer Truppe angetroffen habe. Unsere Soldaten leisten diesen Dienst für Sicherheit und Stabilität für uns, für unsere gemeinsame Sicherheit. Und sie leisten diesen Dienst unabhängig davon, aus welchem Standort oder aus welcher Region sie kommen.
Wenn in den letzten Jahren immer mehr Frauen und Männer aus den Gegenden zwischen Rügen und Erzgebirge zur Bundeswehr gekommen sind, so zeigt dies, wie sehr die innere Einheit in der Bundeswehr Realität ist. Und es zeigt, dass die Bundeswehr von heute bei jungen Menschen attraktiv ist.
Professor Wolffsohn nutzt den statistischen Befund, dass überproportional viele junge Menschen aus den ostdeutschen Bundesländern heute in der Bundeswehr Dienst leisten, dafür, dem "Militär" eine "Verostung" mit negativem Unterton zu unterstellen. Er sagt die Entwicklung zu einer "Unterschichtenarmee" voraus. Ich finde das unerhört. Es hat mit der tatsächlichen Wirklichkeit in unseren Streitkräften nichts gemein.
Klischees spalten das Land
Warum eigentlich fällt Einigen 20 Jahre nach der glücklichen Wiedervereinung unseres Vaterlandes immer noch ein, junge 18-jährige Menschen, die eine DDR nie erlebt haben, in "Ossis" und "Wessis" zu unterscheiden? Wollen wir die Einheit in Wirklichkeit gar nicht? Landsmannschaftliche Unterschiede nach Nord, West, Süd und Ost hat es immer gegeben, aber daraus Wortungetüme wie "Ossifizierung" oder "Verostung" abzuleiten, spaltet unser Land.
Was unterscheidet den heute 18-Jährigen, der in Dresden oder Erfurt aufgewachsen ist und dort lebt, von seinem gleichaltrigen Landsmann in Flensburg oder Recklinghausen? Die Qualität des Schulabschlusses ist eher besser, oder man hat Pisa nicht gelesen. Wer ist überhaupt noch ein "Ossi"? Einer meiner Söhne ist 1993 in Schwerin geboren, dort und in Dresden aufgewachsen, wo er demnächst auch sein Abitur macht. Fällt er in Wolffsohns Kategorie der "Ossis"? Ich selbst bin in Bonn geboren und vertrete den Wahlkreis Meißen im Deutschen Bundestag. Es gibt heute im wiedervereinigten Deutschland viele Biographien, bei denen die Trennlinien zwischen Ost und West verschwimmen.
In der Bundeswehr spielen heute Ost und West bei den jungen Soldaten keine Rolle mehr. Deswegen: Verzichten wir ganz bewusst auf Kategorisierungen, die uns nicht weiterbringen! Im Übrigen geht eine Differenzierung nach dem örtlichen Kreiswehrersatzamt, in dem Erfassung und Musterung durchgeführt wurden, am Ziel vorbei. Sie kann nicht als quasi wissenschaftliche Härtung einer "Verostungsthese" dienen. Sie vernachlässigt den vorherigen Lebenslauf ebenso wie den späteren regionalen Diensteintritt.
Und: Wenn wir etwa im Zuge von Strukturentscheidungen ganze Verbände auflösen und das Personal in Truppenteile in der ganzen Bundesrepublik versetzt wird, welche Bedeutung hat dann eine Unterscheidung nach Ost und West? Sind die Gebirgsjäger aus Schneeberg in Sachsen, die nach Bayern mussten, nun Bayern oder Sachsen?
Beneidenswerter Bildungsstand
Wolffsohn spricht häufig von "Unterschichts- oder Prekariatsarmee" und meint die Bundeswehr von heute. Er vermeidet indes, seine Begriffe zu definieren. Auch das ist unerhört. Soll hier ein ganzer Berufsstand herabgewürdigt werden? Richtig ist, dass der Bildungsstand in unseren Streitkräften eine Qualität aufweist, um die uns andere Arbeitgeber beneiden.
Wollen wir Handwerker gegen Akademiker in Stellung bringen? Wer hat das Recht, etwa den gelernten Tischler oder Klempner einer bestimmen Schicht zuzuordnen? Welches Großunternehmen mit vergleichbarer Mitarbeiterzahl kann von sich behaupten, dass knapp 99 Prozent seiner Mitarbeiter über eine abgeschlossene Schulausbildung verfügen und knapp 80 Prozent über mindestens die mittlere Reife? Mehr als 70 Prozent der Bewerber für eine Laufbahn als Mannschaftssoldat oder Unteroffizier haben mindestens die Mittlere Reife. Bewerberinnen und Bewerber für die Offizierlaufbahn verfügen in der Regel über die allgemeine Hochschulreife oder einen vergleichbaren Abschluss.
Für die Sicherheit unseres Landes und den Schutz unserer Bürger aktiv einzutreten, ist ein ehrenvoller Dienst an unserer Gesellschaft: ein Dienst, der Anerkennung verdient, ein Dienst, der im äußersten Fall auch den Einsatz des eigenen Lebens fordern kann. Dies unterscheidet den Soldatenberuf von anderen Berufen. In diesem Zusammenhang jedoch von der "Ungerechtigkeit des deutsch-deutschen Todesrisikos" und von einem "todsicheren" Beruf zu sprechen, ist Zynismus.
Junge Menschen wollen sich engagieren. Sie wollen sich für andere einsetzen, für etwas Gutes einstehen, sie wollen Teil einer starken Gemeinschaft, eines starken Teams sein und etwas bewegen. Die Bundeswehr ist dafür ein guter Ort. Die Bundeswehr bietet attraktive Bedingungen und interessante Aufgaben! In welchem anderen Beruf ist es möglich, bereits in so jungen Jahren Verantwortung zu übernehmen und einen Dienst für unser Land zu leisten? Welcher Beruf bietet größere Vielseitigkeit? Wo sonst finden sich professionelle Aus- und Weiterbildung in Verbindung mit attraktiven Arbeitsbedingungen?
Der Soldat von heute
Wäre die Welt ganz ohne Gefahren, dann könnten alle Nationen ihre Streitkräfte abschaffen. Einsatzszenarien indes folgen nicht unseren Wunschvorstellungen. Sich nur auf kurze Einsätze einzustellen, verkennt die Erfahrungen. Ich würde gerne auch lieber Einsätze nach dem Motto "rein-raus" planen, aber die Wirklichkeit richtet sich nicht nach Professorenwünschen. Wolffsohns Ausführungen zur "Infanterie" verbinden altes Denken mit Vorstellungswelten des Computerspiel-Zeitalters.
Ohne Zweifel braucht die Bundeswehr eine hochqualifizierte, bestens ausgerüstete und durchhaltefähige Infanterie. Streitkräfte müssen in der Lage sein, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass andere politische Maßnahmen greifen können. Dies erfordert Zeit.
Der Soldat von heute und morgen ist verantwortungsbewusst und durchsetzungsfähig zugleich. Er ist, wo nötig, robust, verfügt über soziale und interkulturelle Kompetenz und steht auf festem Grund. Sein Dienst ist untrennbar mit Normen und Werten unseres Grundgesetzes verbunden. Altes Denken sollte das zur Kenntnis nehmen.
Der Artikel ist eine Replik auf den Beitrag "Stirbt in Zukunft nur der Osten fürs Vaterland?" von Michael Wolffsohn und Maximilan Beenisch, der am 4. April in der Zeitung Die Welt erschienen ist.
Quelle: Pressemeldung Bundesministerium der Verteidigung
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