Neuer Status, neuer Chef: LWL-Klinik Hamm ist Universitätsklinik

07.07.2010 | Münster
Prof. Martin Holtmann zum künftigen Profil der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Der neue Name ist Programm: "LWL-Universitätsklinik Hamm" heißt jetzt das dortige kinder- und jugendpsychiatrische Fachkrankenhaus des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Die Ruhr-Universität Bochum und die LWL-Landschaftsversammlung haben den akademischen Status beschlossen. Der neue Name ist Person: Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann ist frisch berufener Lehrstuhlinhaber und seit Jahresbeginn Ärztlicher Direktor des aufgewerteten 110-Betten-Hauses. Wie sich die Hammer Einrichtung - neben Marsberg und Marl-Sinsen eine von drei kinder- und jugendpsychiatrischen LWL-Kliniken - künftig ausrichtet, erklärt der 39-Jährige im Interview.

Herr Professor Holtmann, nach der LWL-Erwachsenenpsychiatrie in Bochum ist Hamm die zweite Hochschulklinik im LWL-Psychiatrieverbund. Warum ist das Markenzeichen "Uni-Klinik" wichtig?

Holtmann: Es zeitigt eine Profilschärfung für Hamm wie auch für die psychosozialen Fächer der Uni Bochum. Weil die Kinder- und Jugendpsychiatrie inzwischen an den meisten Uni-Kliniken in Deutschland als eigene Disziplin vertreten ist, ist es auch eine folgerichtige Komplettierung der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Uni Bochum. Forschung und praxisbezogene Lehre werden verbessert, es gibt neue Möglichkeiten für das Wissensmanagement und die Personalqualifizierung in der Praxis. Dass dadurch auch die Attraktivität für Interessenten steigt, zeigt sich schon jetzt an einer wachsenden Zahl hochqualifizierter Bewerbungen für ärztliche Tätigkeiten an der LWL-Uniklinik Hamm.

Was haben erkrankte Kinder und Jugendliche davon?

Holtmann: Unsere Kinder- und jugendpsychiatrischen Forschungsaktivitäten werden unmittelbare Beiträge für die Behandlung der jungen Patienten erbringen. Dabei werden wir sowohl klinisch bereits bedeutsame Themen aufgreifen als auch neue therapeutische Entwicklungen anstoßen. Beispiele: In einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Bundesforschungsministerium geförderten Studie geht es um ADHS und seine Behandlung mittels Neurofeedback. Der frühzeitigen Hilfe für Kinder mit psychisch kranken Eltern widmen wir uns in einem Modellprojekt des Bundes. Ein weiterer Schwerpunkt wird sich mit Störungen der Affekt-(Gemütsbewegungs-)Regulation bei Kindern befassen.

Auf welche Störungsbilder muss die Kinder- und Jugendpsychiatrie darüber hinaus ihr besonderes Augenmerk richten?

Holtmann: Neben den eben bereits genannten Themen müssen wir intensiv im Blick behalten die so genannten 'Multiproblempatienten", bei denen mehrere psychische Erkrankungen nebeneinander und/oder desolate psychosoziale und familiäre Verhältnisse bestehen. Zunehmend beschäftigen werden uns weiterhin die so genannten nicht stoffgebundenen Suchtformen wie Computer- oder Spielsucht ebenso wie stoffgebundene Süchte (Alkoholismus, illegale Drogen) und jugendliche Gewaltformen.

Wartelisten, Notbetten - seit Jahren kritisieren Fachleute den chronischen Platzmangel in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ist Entspannung absehbar?

Holtmann: Zwar bekommen Kinder demographisch gesehen zunehmend Seltenheitswert. Aber die Nachfrage nach kinder- und jugendpsychiatrischer Hilfe und Behandlung steigt ungebrochen weiter, auch im stationären und teilstationären Bereich, den wir mit 110 Krankenhausbetten, 48 Tagesklinikplätzen und 20 Plätzen für Suchtrehabilitation in unserem großen Versorgungsgebiet mit der Großstadt Hamm und den Kreisen Unna, Warendorf, Soest und Gütersloh abdecken. Überbelegung ist die Regel.

Bei Ihrer Wahl zum Ärztlichen Direktor haben Sie unter anderem stärkere Impulse aus Ihrer Disziplin für das Jugendhilfesystem angekündigt. Was meinen Sie damit?

Holtmann: Wir brauchen dringend eine Kooperation über die verschiedenen 'Töpfe" des Sozialgesetzbuches (SGB) hinweg. Unsere jungen Patienten benötigen oft gleichzeitig Krankenhilfe und Jugendhilfe. Das darf nicht in Kompetenzgerangel oder Kostenzuständigkeiten untergehen. Hier wäre meine Vision eine Art 'Regionalbudget", das die Sozialleistungen der verschiedenen SGB-Töpfe integriert und somit die Kooperation der LWL-Uniklinik Hamm etwa mit kommunalen Jugendämtern, Gesundheitsämtern und mit Schulen erleichtern würde. Dabei könnte gerade auch der Klinikträger LWL zusätzlich seine hohen Kompetenzen in der Jugendhilfe und als überörtlicher Sozialhilfeträger einbringen

Quelle: Pressemeldung Landschaftsverband Westfalen-Lippe

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